Leseprobe "Der französische Streuner":
Urplötzlich hatte der Platzregen eingesetzt und graue Ungemütlichkeit war über den Park herein gebrochen. Von den Schiffsanlegestellen schwang der Geruch der Spree herüber. Noch vor einer Viertelstunde hatte laues, fast freundliches Aprilwetter geherrscht. Aber jetzt boten die Bäume des Treptower Parks nicht einmal Schutz vor dem prasselndem Regen. Die Gruppe Jugendlicher, die mit ihrer Hündin schon den ganzen Nachmittag wie ziellose Nomaden von Schöneweide über den Plänterwald gezogen waren und zuletzt im Treptower Park gelagert hatten, war längst auf der anderen Straßenseite unter der S-Bahnbrücke verschwunden und hatte den streunenden Rüden unbeachtet zurückgelassen.
Irritiert von der fremden Situation und von den Lichtkegel der Autos geblendet setzte der Hund zur Überquerung an. Er schreckte vor der Blechlawine zurück, die sich noch immer in Richtung Innenstadt wälzte, warf den Kopf mit den triefenden Schlappohren in den Nacken und nahm erneut Anlauf. Wie ein gejagter Hase erreichte er schließlich im Zickzackkurs die andere Straßenseite. Für Sekundenbruchteile war sein geschecktes Fell blitzartig im Zwielicht der Scheinwerfer aufgetaucht. Einige Fahrer bremsten erschrocken oder fluchend, andere hatten das Tier kaum wahrgenommen.
Der Rüde hob den Kopf und witterte nach allen Seiten. Sekunden später schoss er wie gestochen am Rand der Elsenstraße entlang Richtung Spreebrücke. Tief geduckt schleifte die Schnauze fast über dem Asphalt, der wie tausend Spiegel im Regen glänzte. Wie ein ruheloser Blinder, sich nur noch auf Geruch und Instinkt verlassend, hatte er die Spur des Weibchens wieder aufgenommen. Nur noch wenige Meter trennten ihn vom Fluss...
Fotos von Pluto, dem "französischen Streuner" HIER